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Fukushima-Erinnerungen

Shinobu Katsuragi erinnert sich an Fukushima

Es schaukelte bis nach Osaka.

Ich lebte damals am 11.03.2011 in Osaka, ca. 700 Kilometer westlich von Fukushima. Beim großen Erdbeben an dem Tag hielt ich mich im Goethe-Institut Osaka auf, wo ich als Deutschlehrerin arbeitete, auf der 36.Etage im Umeda-Sky Building.

Kurz vor 15 Uhr. Der Unterricht am Vormittag war zu Ende, und die Vorbereitung für den Abendkurs ist so weit abgeschlossen. Mein Kollege Ralf und ich standen im Lehrerzimmer, beide Kaffee-Becher in der Hand, die ich kurz davor für uns beide geholte hatte. Es fing an zu schaukeln. Ich sagte Ralf, „ich denke, mir ist schwindelig“. Dann Ralf, „mir auch“. Dann realisierten wir, dass es sich um ein Erdbeben handelte.

Alle, die damals im Institut waren, wussten nicht, was zu tun ist. Das Gebäude schaukelte. Die Schubladen der großen metallenen Schränke rollten heraus. Wir hatten fürchterliche Angst. Ich kroch unter den großen Tisch. Dann gingen wir die Treppe hinunter. 36 Etagen hinunter zu Fuß. Am Erdboden angelangt, waren viele vom Sky-Building genauso die Treppe hinunter gekommen und versammelten sich im offenen Hof. Einer, der ein Handy in der Hand hatte, rief laut, „Das Epizentrum ist Fukushima!“

Ich war nicht die einzige, die dachte, „Fukushima? Wo war das noch einmal?“ Soweit waren wir weg von Fukushima.

Dass es oben in unserem Hochhaus, 700 km entfernt vom Epizentrum, schaukelte, lag an der erdbebensicheren Baukonstruktion, so erfuhr ich im Nachhinein. Am selben Tag sah ich im Fernsehen die wütenden Tsunami-Fluten, die Häuser und Autos wegspülten. Am nächsten Tag sah ich das Atomkraftwerk in die Luft gehen. Da dachte ich intuitiv, „es ist Aus.“

Wie die japanische Regierung und die internationale kernenergie-freundliche Gemeinschaft danach den Unfall kleinreden und die Sorgen und Schäden von Menschen einfach ignorieren, ist vielen hoffentlich bekannt.

Dass im AKW Fukushima-Daiichi damals in insgesamt drei Reaktoren eine Kernschmelze stattgefunden hat, und der größte Teil der Substanzen, also ein Großteil der radioaktiven Materialien sich noch immer in den geschmolzenen Reaktoren befindet, ist hoffentlich ebenfalls bekannt. Dass der Reaktorbehälter geschädigt ist, und dass niemand weiß, wo sich die geschmolzenen Reaktorkerne in welchem Zustand befinden und man deshalb täglich tonnenweise Wasser dort hinein pumpen muss, um die Reaktorkerne zu kühlen, ist hoffentlich bekannt.

Ich erzähle dann weiter.

Neulich, am 13.02.2021 hatte ich ein Skype-Treffen mit meinen Freundinnen. Ich aus Deutschland, eine Freundin war aus London zugeschaltet, drei weitere waren aus Japan mit dabei. Eine davon, Maki lebt in Osaka, mitten im Stadtzentrum in einem mehrstöckigen Hochhaus auf der 12. Etage. Es war schon nach 23 Uhr in japanischer Zeit. Wir unterhielten uns über alles Belanglose. Plötzlich stand Maki auf und lief im Zimmer hin und her. Dann kam sie zurück zum PC. Ich fragte sie, „Was ist los?“ Maki, „Erdbeben. Es schaukelt“. Alle googelten entsetzt, wo das Epizentrum ist: Fukushima.

Es wird seither nicht alles bekanntgegeben, aber man weiß, dass seitdem die Wasserpegel in dem Reaktorgehäuse, wo diese zusammengeschmolzenen Reaktorkerne mit Wasser gekühlt werden, sinkt.

Viele Menschen sind in Fukushima bereits innerhalb von 20 km-Zone zurückgekehrt und leben wieder dort. Und im Sommer sind internationale Athlet*innen nach Tokyo zu olympischen Spielen nach Tokyo, 250 km entfernt von Fukushima, eingeladen.

Shinobu Katsuragi