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Antonias Wörterbuch

B – bei

Ortswechsel | Präpositionen haben keine eigene Bedeutung. Aber  nur weil ihnen ein eigener Sinn fehlt, heißt es noch lange nicht, dass sie machtlos sind. Sie bestimmen nämlich die Verhältnisse zwischen den Dingen. Sie sind die heimlichen Drahtzieher der Spezies Wort. Schließlich macht es doch einen großen Unterschied, ob jemand auf dem grünen Rasen oder unter dem grünen  Rasen liegt.

Zugegebenermaßen muss es nicht immer gleich um Leben und Tod gehen. Oft kommen diese kleinen Wörtchen ganz undramatisch daher. Meistens spielt es auch gar keine Rolle, ob ein Ding vor oder neben mir liegt, solange ich es nur wiederfinde. Auch ob ich unter Missachtung grammatischer Regeln nach meiner Tante fahre statt zu, wird ohne Folgen bleiben. Tückisch zu werden beginnt es erst, wenn eines dieser Verhältniswörter ganz unauffällig und bewusst durch ein anderes ausgetauscht wird, damit sich allmählich ein anderes Verhältnis einschleicht.

Geradezu prädestiniert für derartige Manipulationen ist das Wörtchen bei. Auch wenn es vielleicht die Medien waren, die aus der einstigen Erzgrube „Schacht KONRAD in Salzgitter“ nach dessen Umdeklarierung in ein geplantes Atommülllager „Schacht KONRAD bei  Salzgitter“ gemacht haben. Die Politik wird diesen Ortswechsel dankend angenommen haben. Schließlich gelingt es nicht immer so leicht, dass ein Brennpunkt per Präposition in die Peripherie abwandert. Auf diese Weise ließen sich nahezu alle Atommüllstandorte quasi per Zungenschlag aus Wohngebieten oder anderen prekären Lokalitäten entfernen.

Doch wenn das Schule machte? Wenn alle Atommüllstandorte plötzlich – per bei –  in die Nachbarschaft abwanderten oder gar in irgendeinen fiktiven Ort bei Deutschland?
Die Bundesregierung wäre fein raus. Nur, wer wäre dann für den deutschen Atommüll verantwortlich?

Antonia Uthe