Antonias Wörterbuch Aktuell

Antonias Wörterbuch

G – Grenzwert

Darf es ein bisschen mehr sein?

Bis hierher und nicht weiter. Da zieht jemand eine hohe Mauer um sein Haus, ein anderer schätzt einen weiten Horizont, gibt sich weniger wehrhaft. Grenzen sind eben etwas sehr Persönliches. Anders verhält es sich mit Staatsgrenzen. Sie werden von Regierungen ausgehandelt und gelten für alle. Wer sie überschreitet, setzt sich neuen Spielregeln aus, einer anderen Sprache, einer fremden Gerichtsbarkeit... Der Landschaft  sind solche Grenzen nicht anzumerken und auch nicht dem Himmel darüber. Staatsgrenzen sind eben politisch festgelegt und etwas sehr Künstliches.

Das Gleiche gilt für Grenzwerte. Beispielsweise legt die Strahlenschutzverordnung Grenzwerte für radioaktive Strahlendosen fest. Werte, die  suggerieren, dass wir uns in großer Gefahr befinden, sobald die Strahlendosis sie durchbricht;  bleiben sie jedoch schön unterhalb der vorgeschrieben Linie, ist uns Sicherheit gewährt. Der Grenzwert ist  also ein aufgespannter Schirm, der uns beschützt.

 

Der Wahrheit indes liegt das gleiche Prinzip zugrunde wie dem Himmel und der Landschaft:  Die Gefahr hat längst begonnen, bevor die Grenze überschritten ist. Totfahren kann ich mich ja auch mit 80 Stundenkilometern, obwohl doch 100 erlaubt sind. Grenzwerte unterliegen eben keiner naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Sie gehorchen dem Gesetz politischer Willkür, dienen als Handelsware zwischen Politik und Wirtschaft, in der bürgerliche Gesundheit  gegen Marktinteressen ausgewogen wird.

Wenn jedoch aus vielen möglichen Gründen mehr Radioaktivität entweicht, als die Strahlenschutzverordnung erlaubt, halten es die Politiker wie die Marktfrau: „Darf es ein bisschen mehr sein“, lautet ihre obligatorische Frage, nachdem sie mit sicherem Griff einen weiteren Apfel  in die Waagschale gelegt hat. Wir nicken ganz automatisch. Und was machen die Politiker? Sie stocken den Grenzwert ein Stückchen auf: „ Der darf ruhig ein bisschen höher sein - gesetzlich angepasst“ , heißt es.  Und sobald der Messwert wieder schön im Rahmen liegt, ist auch gleich die Gefahr gebannt -  mit Sicherheit.

Antonia Uthe