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Atommüllreport, Bundesweit

Laufzeitverlängerung - sinnlos, gefährlich und teuer

(Erschienen am 27.07.2022 auf Atommüllreport) Kurz vor Ende der Atomenergienutzung in Deutschland wittern die Verfechter der Atomkraft Morgenluft angesichts möglicher Energieengpässe durch den Ukrainekrieg und die verhängten Sanktionen gegen Russland. Jahrelang wurde versucht, Atomkraft wieder hoffähig zu machen, in dem der Atomstrom als billig und klimafreundlich deklariert wurde - von denselben Akteur*innen, die einen Energiepreisdeckel oder ein Tempolimit ablehnen. Das Umweltbundesamt hat aktuell festgestellt, dass durch ein Tempolimit (Autobahnen Tempo 100 und außerorts Tempo 80) jährlich 2,1 Milliarden Liter fossile Kraftstoffe in Deutschland eingespart werden könnten. Das entspräche 3,8 Prozent des Kraftstoffverbrauchs im Verkehrssektor. [1] Die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt, dass ein Tempolimit fünf bis sieben Prozent der russischen Ölimporte reduzieren könnte. [1]

Nachdem in der aktuellen Debatte der Verweis auf Versorgungssicherheit auf Widerspruch stößt, da Atomkraft die Wärmeversorgung durch Gas kaum ersetzen kann, ist das jüngste Argument, die Solidarität mit Frankreich. Dessen Stromproduktion liegt aufgrund einer völlig verfehlten, einseitig auf Atomkraft setzenden Energiepolitik ziemlich danieder. Seit Beginn 2022 wird bis auf wenige Ausnahmen täglich Strom aus Deutschland nach Frankreich in einer Größenordnung von bis zu über 100 Gigawattstunden (GWh) exportiert. Ein konventionelles oder nukleares Großkraftwerk erzeugt ca. 20 bis knapp 30 GWh pro Tag. Die deutschen Atomkraftwerke (und mindestens ein weiteres Kraftwerk) laufen also rechnerisch nur für den Export und stützen so die verfehlte Atomenergiepolitik Frankreichs, die trotz der offensichtlichen Probleme mit den Reaktoren weiterhin auf Atomkraft statt auf Erneuerbare Energie setzt.

Befeuert wird die Debatte um die Laufzeitverlängerung ausgerechnet durch Äußerungen und Handeln Grüner Politiker*innen. So erklärte beispielsweise die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckart (Grüne) am 24.7. in einer Talkshow, dass Atomkraft notwendig werden könnte, um die Stromversorgung von Krankenhäusern aufrecht zu erhalten. [2] Selbst bei etwaiger Knappheit wird hier in Anbetracht der Kapazitäten Deutschlands ein unrealistisches (Horro-)Szenario aufgemalt, das Ängste schürt, anstatt eine zielorientierte Energiewende-Debatte voranzubringen.

SPD und Grüne der Stadt München haben im Aufsichtsrat der Stadtwerke München beschlossen, sich für einen Weiterbetrieb des AKW Ohu 2 (Isar 2) einzusetzen. Die Stadtwerke München halten 25% an dem Atomkraftwerk. Die restlichen 75% sind im Besitz der PreussenElektra GmbH, einer 100%igen Tochter des E.ON-Konzerns. SPD und Grüne München wollen in Berlin eine Gesetzesänderung herbeiführen, die einen solchen Weiterbetrieb ermöglicht. Die 2. Bürgermeisterin in München, Katrin Habenschaden (Grüne), verteidigte ihre Entscheidung gegenüber dem Bayerischen Rundfunk: „Die Versorgungssicherheit der Münchnerinnen und Münchner hat da für mich wirklich Vorrang". [3]

Völlig außen vor in der Betrachtung bleibt das Stromeinsparpotential, das in vielen Bereichen auf der Hand liegt. Warum müssen bei einer angeblich derart dramatischen Versorgungssituation in München die Warmwasser-Außenbecken der Münchner Hallenbäder von den Stadtwerken immer noch auf 30°C aufgeheizt werden? Weshalb folgt München - und folgen anderen Kommunen in Deutschland - nicht dem Vorbild der Stadt Bozen, die ab 1.1.2023 die Beleuchtung von Schaufenstern, Denkmälern und Leuchtwerbung in der Nacht verbietet? Warum legt im Gegenteil die Stadt Braunschweig ausgerechnet in der dezeitigen Situation ein Förderprogramm von 50.000.- € auf, um Firmen zu motivieren, in diesem Winter in mehr "stimmungsvolle" Weihnachtsbeleuchtung zu investieren? Es scheint nicht um Versorgungssicherheit oder Notfallszenarien, sondern um Bequemlichkeit und den Erhalt des Status Quo zu gehen.

Doch es gibt gute Gründe gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke, allen voran das Risiko einer Atomkatastrophe in Landshut, Lingen oder Neckarwestheim. Die Atomkraftwerke weisen erhebliche  Alterungsprobleme auf. Maßnahmen gegen einen Terrorangriff wurden nicht umgesetzt. Die Nebeltarnung, die nach dem Anschlag auf das World Trade Center als angeblicher Schutz im Angriffsfall propagiert wurde, ist gar nicht erst errichtet worden. Die umfassende periodische Sicherheitsüberprüfung, die eigentlich vor drei Jahren hätte stattfinden müssen, wurde den Betreibern erlassen wegen der Beendigung des Betriebes spätestens Ende 2022. Im Jahr 2018 hat die Physikerin Oda Becker im Auftrag des BUND eine Studie zu den Sicherheitsproblemen der letzten (damals sechs) verbliebenen Atomkraftwerke erstellt. [4] Auch das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BaSE) weist auf die fehlende Sicherheitsüberprüfung, die fehlende technische Anpassung an neueste Sicherheitsentwicklungen und den fehlenden Schutz vor einem Angriff auf die Atomkraftwerke hin. Das Risiko katastrophaler Unfälle habe sich noch einmal verschärft. [5]

Bisher haben sich die Betreiber der Atomkraftwerke gegen eine Laufzeitverlängerung ausgesprochen und eine Zustimmung höchstens in Aussicht gestellt, falls  der Staat alle Kosten und Risiken übernimmt: „Im Zuge der Prüfung wurden auch Gespräche mit den AKW-Betreibern geführt. Diese ergaben, dass auch aus ihrer Sicht eine Laufzeitverlängerung mit rechtlichen und technischen Risiken verbunden wäre. Die AKW-Betreiber wären nicht bereit, diese Risiken zu tragen. Sie hätten im Falle einer Laufzeitverlängerung verlangt, dass der Staat ihnen sämtliche rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken abnimmt und die alleinige (Betreiber-)Verantwortung übernimmt. Und die Betreiber hätten in diesem Fall auch Abstriche bei der AKW-Sicherheit verlangt.“ [6] Eine solche Übernahme von Kosten und Risiken durch den Staat und damit den Steuerzahler*innen und der Gesellschaft ist angesichts des fehlenden Nutzens einer Laufzeitverlängerung nicht zu rechtfertigen.

Das Zauberwort in dieser Debatte heißt „Streckbetrieb“. Dadurch wird suggeriert, dass es sich um eine Laufzeitverlängerung handelt, die eigentlich gar keine ist. Bei einem Streckbetrieb, der bereits in anderen AKW im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Laufzeit durchgeführt wurde, nimmt durch eine bewusste Reduktion der Kühlmitteltemperatur die Dichte des Kühlmittels im Reaktor zu. Die Neutronen werden besser abgebremst, wodurch mehr Neutronen für die Spaltung zur Verfügung stehen. Diesen Effekt macht man sich zu Nutze und betreibt den Reaktor über sein natürliches Zyklusende hinaus. „Ein solcher Betrieb ist für mindestens 80 Tage realisierbar. Da ein Reaktorblock im Streckbetrieb täglich ca. 0,5 % seiner Leistung einbüßt, wäre er nach 80 Tagen noch bei ca. 60 % seiner ausgelegten Leistung.“ [7]

Konkret müsste die Leistung der Atomkraftwerke jetzt gedrosselt werden, um die Stromgewinnung um mehrere Wochen zu verlängern. Eigentlich ist das ein Nullsummenspiel. Der TÜV Süd kommt jedoch zu dem Schluss, dass dies bei dem AKW Ohu 2 nicht nötig wäre und am Ende des Betriebszyklus Reaktivitätsreserven für einen Weiterbetrieb für ca. 80 Tage bestünden. Durch ein Umsetzen der vorhandenen Brennelemente könne der Reaktor sogar bis in den August 2023 betrieben und zusätzlich bis zu 5.160 GWh Strom erzeugt werden. [8]

Der TÜV Süd sieht in seiner Stellungnahme für das Bayerische Staatsministerium für Umwelt weder bei einer Laufzeitverlängerung des AKW Ohu 2 noch bei einer Wiederinbetriebnahme des AKW Gundremmingen C irgendwelche Sicherheitsprobleme. Der TÜV Süd ist seit Jahrzehnten als Gutachter für die AKW-Betreiber unterwegs und hat noch nie Sicherheitsprobleme gesehen. Der gleiche TÜV Süd hatte auch trotz offensichtlicher Sicherheitsbedenken die Stabilität des 85 Meter hohen Damms der Eisenerzmine Córrego do Feijão zertifiziert. Bei dem Dammbruch im Januar 2019 starben mehr als 270 Menschen und das Gebiet wurde mit giftigem Schlamm überflutet. [9]

Eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke ist für die Energiesicherheit völlig unnötig, ist hochriskant und würde sehr teuer für die Gesellschaft werden. Hier soll ohne Not eine in Deutschland (und den EU-Ländern Österreich und Italien) überwundene Technologie, die schon mehrere Regionen der Erde unbewohnbar gemacht hat, wiederbelebt werden mit Argumenten, die sich jeder Rationalität verweigern. Es wäre ein interessanter Witz der Geschichte, wenn das Aus für die Atomenergie in Deutschland, das die CDU-Politikerin Angela Merkel 2011 umgesetzt hat, 2022 durch Bündnis 90 / Die Grünen rückgängig gemacht werden würde.

Quellen

[1] tagesschau.de: Wieviel Sprit ein Tempolimit spart, 10.04.2022

[2] welt.de: Goering-Eckardt offen für AKW-Streckbetrieb - Scholz will zweiten Stresstest abwarten, Stand 25.07.2022

[3] br.de: SPD und Grüne in München für längere Laufzeit des AKW Isar-2, 21.07.2022

[4] Oda Becker, Adhipati Y. Indradiningrat: Atomstrom 2018 - sicher, sauber, alles im Griff? Studie im Auftrag des BUND, April 2018

[5] base.bund.de: Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke, Stand 26.07.2022

[6] bmuv.de: Fragen und Antworten zur AKW-Laufzeitverlaengerung, Stand 24.06.2022

[7] grs.de: Streckbetrieb, abgerufen am 26.07.2022

[8] TÜV Süd: Kernkraftwerk Gundremmingen (KRB II) Block C, Kernkraftwerk Isar 2 (KKI 2) Bewertung der konkreten, erforderlichen technischen Maßnahmen für einen Weiterbetrieb des KKI 2 bzw. eine Wiederinbetriebnahme des Blcoks C des KRB II, Auftrag vom 07.04.2022

[9] tagesschau.de: Verfahren gegen TÜV Süd wird ausgeweitet, 24.01.2022